| arznei-telegramm 2008; 39: 49 | |
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DEUTSCHE BKK UND DAS LIFESTYLEMITTEL |
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Seit Monaten liegt mir ein Schreiben der Deutschen BKK vor mit der Aufforderung an die Ärzte, doch bitte ACOMPLIA zu rezeptieren... Der hierzulande seit September 2006 angebotene Cannabinoid-1-Rezeptorantagonist In den USA scheiterte die Zulassung von Rimonabant vergangenes Jahr an Sicherheitsbedenken, nachdem eine Auswertung der Rohdaten von 13 abgeschlossenen Studien in verschiedenen Indikationen ein erhöhtes Risiko für Suizidalität sowie andere psychiatrische und neurologische Störwirkungen wie Angst, Depression oder Schwindel ergeben hatte (a-t 2007; 38: 72). Aus dem gleichen Grund schränkte die europäische Arzneimittelbehörde im Juli 2007 die Anwendung ein: Für Patienten, die an schwerer Depression leiden oder Antidepressiva einnehmen, ist Rimonabant seither kontraindiziert. Aktuell bestehende oder anamnestisch bekannte leichtere depressive Erkrankungen erfordern eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung (a-t 2007; 38: 78-9). Wie sehr Patienten tatsächlich gefährdet sein könnten, lässt die STRADIVARIUS-Studie erkennen, in der - im Gegensatz zu den RIO-Studien (5) - Personen mit psychiatrischen Vorerkrankungen nicht ausgeschlossen wurden: Psychiatrische Störwirkungen, insbesondere wiederum Ängstlichkeit und Depression, treten unter Rimonabant bei 43% der Anwender auf und damit deutlich häufiger als unter Plazebo (28%) (6). Auch gastrointestinale Störwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen fast doppelt so häufig vor (34% versus 18%) (6). Vor diesem Hintergrund - fehlende klinische Nutzenbelege bei deutlichen Hinweisen auf schwerwiegende Risiken - erachten wir es als Skandal, dass die Deutsche BKK mit dem Rimonabant-Anbieter Sanofi-Aventis im September 2007 einen Kooperationsvertrag über ein Bonusprogramm zur Reduktion des "kardiometabolischen Risikofaktors Übergewicht" abgeschlossen hat, in dessen Rahmen beide in einem gemeinsamen Schreiben an Ärzte für Rimonabant werben ("...ACOMPLIA hat einen umfassenden Wirkansatz und wirkt direkt an multiplen Wirkorten... So dient ACOMPLIA der umfassenden Senkung kardiometabolischer Risikofaktoren..." [Hervorhebungen wie im Original, -Red.]) (7,8). Die Ärzte sollen den Cannabinoid-Rezeptorantagonisten verordnen (und/oder ein Ernährungs- und Beratungsprogramm), Sanofi-Aventis liefert Informationsmaterial und ein "Erfolgstagebuch" für den Patienten, in dem die persönlichen Gesundheitsziele und Kontrollwerte dokumentiert werden sollen. Erreicht der Patient sein Ziel, erhält er von der Kasse einen Bonus: 30 € für drei Monate Therapie sowie weitere 60 € nach insgesamt neun Monaten (8). Auf mehrfache konkrete Nachfrage, ob das Geld aus den Mitgliedsbeiträgen der Versicherten stammt oder von Sanofi-Aventis, weicht die Deutsche BKK aus: Die Bonusregelung sei "Bestandteil der Kooperationsvereinbarung und damit nicht öffentlich" (9). Möglicherweise soll der "finanzielle Anreiz" (9) den Patienten den Schritt zu einer medikamentösen Behandlung des Übergewichts erleichtern. Die Arzneimittelkosten müssen sie selbst tragen (7), immerhin rund 900 € für neun Monate ACOMPLIA. Denn Mittel zur Gewichtsreduktion zählen zu den so genannten Lifestyle-Arzneimitteln, und diese dürfen nicht zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Das gilt auch für Rimonabant. Das Landessozialgericht Berlin hat vergangenen Monat eine Beschwerde des Herstellers zurückgewiesen und den Verordnungsausschluss des Mittels durch den Gemeinsamen Bundesausschuss in zweiter Instanz bestätigt (10), -Red. |
1 |
DESPRÉS, J.-P. et al.: N. Engl. J. Med. 2005; 353: 2121-34 | |
2 |
VAN GAAL, L.F. et al.: Lancet 2005; 365: 1389-97 | |
3 |
PI-SUNYER, F.X. et al.: JAMA 2006; 295: 761-75 | |
4 |
SCHEEN, A.J. et al.: Lancet 2006; 368: 1660-72 | |
5 |
CHRISTENSEN, R. et al.: Lancet 2007; 370: 1706-13 | |
6 |
NISSEN, S.E. et al.: JAMA 2008; 299: 1547-60 | |
7 |
Deutsche BKK: E-Mail vom 2. April 2008 | |
8 |
Deutsche BKK:/Sanofi-Aventis: undatiertes Schreiben an Ärzte | |
9 |
Deutsche BKK: E-Mail vom 4. April 2008 | |
10 |
Gemeinsamer Bundesausschuss: Pressemitteilung vom 4. März 2008
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RIO = Rimonabant in Obesity; STRADIVARIUS = Strategy to Reduce Atherosclerosis Development Involving Administration of Rimonabant - The Intravascular Ultrasound Study |
| © arznei-telegramm 4/2008 |