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beschreibt auch heute noch gültig den Kenntnisstand. Norethisteron und Levonorgestrel sind nach Auswertung mehrerer aktueller Studien in Bezug auf Häufigkeit tiefer Venenthrombosen (Risiko 100 : 1 Million Frauenjahre) relativ verträglich. Neuere Gestagene wie Desogestrel (in MARVELON u.a.) oder Gestoden (in FEMOVAN/MINULET) verdoppeln das Risiko (200 : 1 Million Frauenjahre; a-t 2000; 31: 101-2).
Aktualität und historische Entwicklungen liegen eng beieinander: Manche Erkenntnisse der 70er Jahre sind heute überholt. Längst finden Kontrazeptiva wie LOVELLE und MIRANOVA Verwendung, die mit 0,02 mg Ethinylestradiol heute die geringste Östrogenmenge enthalten. In den 70er Jahren bestand Verdacht, dass 0.05 mg Mestranol (entspricht etwa 0,03 mg Ethinylestradiol) "zur sicheren Empfängnisverhütung nicht ausreichen" dürften (a-t 1970; Nr. 1: 4). Längst werden auch Barbiturate nicht mehr zu den "verträglichsten Sedativa" gerechnet (a-t 1971; Nr. 1: 10). Sie haben heute nur noch Nischenindikationen als Reservemittel für Epilepsiekranke (Phenobarbital).
Jüngere Kollegen werden andere genannte Medikamente heute kaum noch kennen:
Der Appetithemmer Aminorex (MENOCIL) wurde 1968 vom Markt genommen. Allein in der Bundesrepublik Deutschland waren 850 Personen an Lungenbluthochdruck erkrankt, nachdem sie versucht hatten, mit MENOCIL abzunehmen. In der Erstausgabe regte das a-t an, einen Schutzverband zur gerichtlichen Unterstützung MENOCIL-Geschädigter sowie zur Durchführung eines Musterprozesses zu gründen (a-t 1970; Nr. 1: 1). Auch Jahrzehnte später erhältliche Appetithemmer wie Fenfluramin (PONDERAX) und Dexfenfluramin (ISOMERIDE) können - wenn auch selten - lebensbedrohliche pulmonale Hypertonie auslösen (Chronik der Appetithemmer in a-t 1995, Nr. 9: 90) und kamen erst Ende der 90er Jahre wegen Schädigung von Herzklappen vom Markt (a-t 1997; Nr. 10: 108).
Die Bayer AG zog 1971 ihre Guanaclin (= Cyclazenin)-haltigen Blutdruckmittel LERON und TADIP aus dem Handel. Im Jahr zuvor berichtete das a-t über "lang anhaltende bzw. irreversible orthostatische Dysregulation (chemische Sympathektomie)" nach über viermonatiger Einnahme des Antihypertensivums (a-t 1970; Nr. 1: 4).
Der Chronist kennt die "Abführmittel-Hepatitis" in Verbindung mit Wirkstoffen der Isatingruppe seit Anfang der 70er Jahre (a-t 1971; Nr. 1: 12, 1972; Nr. 7: 30; 1973; Nr. 5: 27 u.a.). Dennoch wurden solche Laxantien zunächst nur verschreibungspflichtig - und dies erst 1977. Viele Präparate verschwanden in der Folgezeit vom Markt oder wurden auf Bisacodyl oder andere Wirkstoffe umgestellt (z.B. AGAROLETTEN, TIRGON u.a.). Erst 1987 entzog das Bundesgesundheitsamt Oxyphenisatin und Trisatin-haltigen Präparaten die Zulassung (vgl. a-t 1987; Nr. 4: 39). Kanada beispielsweise verbot die leberschädigenden Abführmittel bereits neun Jahre zuvor (a-t 1978; Nr. 7: 64).
Bis in die 70er Jahre hinein wurden Chloramphenicol (PARAXIN u.a.)-haltige Arzneimittel bei Husten und Erkältungen verwendet. Schon damals war jedoch die besondere blutschädigende Wirkung des Antibiotikums bekannt. Intensive Aufklärung ließ die Verordnungshäufigkeit deutlich zurückgehen (a-t 1971; Nr. 3: 17).
Mitte der 50er Jahre erkrankten in Japan immer mehr Menschen an einer rätselhaften Krankheit, die mit Missempfindungen, Gehstörungen und Magen-Darm-Beschwerden gefolgt von Empfindungsstörungen und Lähmungen sowie Sehstörungen (bis Blindheit) einherging. Nach den vorherrschenden Symptomen wurde sie als Subakute Myelo-Optische Neuropathie (SMON) bezeichnet. 1970 kam der Verdacht auf, dass die Erkrankung durch verbreitete Durchfallmittel aus der Oxychinolinreihe (in MEXAFORM u.a.) bedingt sein könnte (a-t 1970; Nr. 1: 2: "Erst Gehstörungen - dann Sehstörungen").
Bisweilen fanden Hinweise auf unerwünschte Therapiefolgen auch noch nach Jahrzehnten keinen Eingang in Produktinformationen, so etwa die Warnung vor Nekrosen und schweren Ulzerationen bei Gebrauch des Antiseptikums Dequalinium im Bereich von Glans penis und Vulva (a-t 1970; Nr. 1: 2, 1970; Nr. 5: 55) - Selbst in der Roten Liste 1996 wurden für die Dequaliniumchlorid-haltigen Vaginaltabletten FLUOMYCIN N keine Nebenwirkungen deklariert.
Neben der Nutzen-Risiko-Abwägung kommen die Kosten der Therapie bereits in den ersten Ausgaben des a-t nicht zu kurz: Die übersichtliche Darstellung der Preisverhältnisse durch Balkengrafik - später von der Transparenzkommission beim Bundesgesundheitsamt übernommen - kennzeichnet heute eine etwa alle zwei Jahre erscheinende a-t-Publikation: das Arzneimittelkursbuch (früher transparenz-telegramm). Eine derartige systematische Darstellung von Angebotsvielfalt und Preisverhältnissen ist einzigartig.
Als erstes Periodikum veröffentlichte das a-t seit 1970 Umsatzdaten und Verkaufszahlen von Arzneimitteln. Solche Angaben standen damals selbst dem Bundesgesundheitsamt nicht zur Verfügung. Inzwischen schafft das wissenschaftliche Institut der Ortkrankenkassen mit dem jährlich erscheinenden Arzneiverordnungs-Report Durchblick - zumindest was die Verordnungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen angeht.
Heute ist die Informationsbeschaffung leichter und selbstverständlicher. Literaturdatenbanken auf CD-ROM oder im Internet (PubMed u.a.) ermöglichen Recherchen in Sekundengeschwindigkeit. Notwendiger wird die Gewichtung der Informationen, das Trennen der Spreu vom Weizen. Hier helfen der Redaktion ein über Jahrzehnte gewachsenes Archiv und - nicht zuletzt - vielfältige Kontakte im In- und Ausland.
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