| VOM FLUGBLATT ZUM "a-t" - DIE ERSTEN JAHRE | |
Unter den Pseudonymen Emil STRESS und Peter WITT erschienen 1969 die ersten Flugblätter des unabhängigen Arbeitskreises Arzneimittelpolitik Berlin (UAAB) in einer Auflage von jeweils 1.000 Stück. Auf Veranstaltungen wie dem Deutschen Ärztetag verteilt oder auf Anforderung verschickt stießen die "Informationen für den Arzt" auf breites Interesse: | |
Aus dem Protokoll der UAAB-Sitzung "Die Reaktion unter den Ärzten muss als größtenteils freundlich bezeichnet werden. Es lag nicht ein Flugblatt herum. Man brachte uns sogar irreführende Werbung aus der Pharmaausstellung heraus. Spenden wurden uns angedeutet. Unbekannte Leute hauten uns in Diskussionen heraus. Fremde hielten unsere Transparente, als uns Leute fehlten. Gereizter war die Stimmung allerdings am Freitag durch die provozierenden Transparente. |
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Gegeninformationen waren überfällig. CONTERGAN*- und MENOCIL**-Skandal hatten Zweifel am verantwortlichen Handeln von Pharmaherstellern und der Durchsetzungskraft der Überwachungsbehörden geweckt. Rasch stieß der lockere Zusammenschluss von Kollegen im UAAB jedoch an seine Grenzen. Die Arbeit blieb letztlich an den Initiatoren U. M. MOEBIUS und K. W. WENZEL hängen. Anfragen zahlreicher Ärzte, die regelmäßig über Arzneimittelwirkungen und Nebenwirkungen informiert werden wollten, waren schließlich Anlass, das arznei-telegramm herauszugeben. Entsprachen die "Informationen für den Arzt" noch typischen improvisierten Flugblättern, machte das im November 1970 erschienene erste a-t unter Berücksichtigung der damaligen Möglichkeiten schon einen recht professionellen Eindruck. | |
| * | Nach Einnahme des Schlafmittels CONTERGAN (Thalidomid) brachten weltweit mehr als 12.000 Mütter Kinder mit Fehlbildungen vornehmlich der Gliedmaßen zur Welt. |
| ** | Allein in Deutschland erkrankten 850 Personen - meist junge Frauen - nach Einnahme des Appetithemmers MENOCIL (Aminorex) an lebensbedrohlichem oder tödlich verlaufendem Lungenbluthochdruck. |
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Aus dem Editorial der Erstausgabe (a-t 1970; Nr.1: 1): "Die Reklameflut, die täglich über den Ärzten niedergeht, ist überall offenkundig, fast sprichwörtlich und erregt Besorgnis bei jenen, die den grundlegenden Widerspruch zwischen Pharmawerbung ... und wissenschaftlicher Information erkannt haben. Die gegenwärtige Unterrichtung des kurativen Mediziners über Arzneimittel lässt sich in der Tat weniger nach "bits" als kybernetischen Einheiten, sondern vielmehr nach der Formel bestimmen:
Hier will das arznei-telegramm gewissermaßen Kontrastprogramm sein." | |
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An Hand des Reprint-Bandes "arznei-telegramm 1970 - 1975" lässt sich auch heute noch nachvollziehen, wie dieser Anspruch umgesetzt wird,* beispielsweise im "telegramm"-typischen Kurzkommentar zur Indikationslyrik des "Potenzmittels" PASUMA (a-t 1970; Nr. 1: 3), zu den Nebenwirkungsangaben des Wurmmittels MINZOLUM (a-t 1971; Nr. 1: 12) oder zur Sterblichkeit in Verbindung mit unkritischem Gebrauch von Asthma-Aerosolen (a-t 1971; Nr. 1: 9) - ein Thema von vielen, das auch in nachfolgenden Jahrzehnten aktuell bleibt (a-t 1983; Nr. 2: 16, 1990; Nr. 12: 106, 1991; Nr. 5: 47). | |
| * | In dem Reprintband "arznei-telegramm 1970-1995" finden Sie die ersten Flugblätter sowie sämtliche arznei-telegramm-Ausgaben der ersten sechs Jahre. Die Dokumentation ist eine Fundgrube für jeden pharmakologisch interessierten Kollegen. |
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Breiten Raum nimmt schon in den 70er Jahren die Diskussion um orale Kontrazeptiva ein, die angeblich "kein erhöhtes Thromboserisiko" bedeuten [a-t 1970; Nr. 2: 7, 1995; Nr. 6: 60) oder deren Verträglichkeit dem Prinzip "minimale Wirkstoffdosis - maximale Verträglichkeit" folgen soll (a-t 1970; Nr. 2: 7). Solche Argumente wurden in der Folgezeit vielfach ad absurdum geführt, beispielsweise für Glibenclamid, das häufiger Hypoglykämien auslöst als das mit täglich 1-2 g "hoch dosierte" Tolbutamid (RASTINON u.a.; a-t 1986; Nr. 4: 31), oder für "moderne" Mikropillen vom Typ LOVELLE oder FEMOVAN (a-t 1995; Nr. 6: 62). Immer wieder erweist es sich als hilfreich, neue Arzneimittel konsequent an Nutzen und Risiken bewährter Wirkstoffe zu messen. Die Charakterisierung des Gestagens Norethisteronazetat als | |
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"Oldtimer unter den Steroiden. Lange Erfahrungen liegen damit vor. Günstiger Thrombose-Erwartungs-Index" (a-t 1970; Nr. 2 : 8) | |
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beschreibt auch heute noch gültig den Kenntnisstand. Norethisteron und Levonorgestrel sind nach Auswertung mehrerer aktueller Studien in Bezug auf Häufigkeit tiefer Venenthrombosen (Risiko 100 : 1 Million Frauenjahre) relativ verträglich. Neuere Gestagene wie Desogestrel (in MARVELON u.a.) oder Gestoden (in FEMOVAN/MINULET) verdoppeln das Risiko (200 : 1 Million Frauenjahre; a-t 2000; 31: 101-2). Aktualität und historische Entwicklungen liegen eng beieinander: Manche Erkenntnisse der 70er Jahre sind heute überholt. Längst finden Kontrazeptiva wie LOVELLE und MIRANOVA Verwendung, die mit 0,02 mg Ethinylestradiol heute die geringste Östrogenmenge enthalten. In den 70er Jahren bestand Verdacht, dass 0.05 mg Mestranol (entspricht etwa 0,03 mg Ethinylestradiol) "zur sicheren Empfängnisverhütung nicht ausreichen" dürften (a-t 1970; Nr. 1: 4). Längst werden auch Barbiturate nicht mehr zu den "verträglichsten Sedativa" gerechnet (a-t 1971; Nr. 1: 10). Sie haben heute nur noch Nischenindikationen als Reservemittel für Epilepsiekranke (Phenobarbital). Jüngere Kollegen werden andere genannte Medikamente heute kaum noch kennen:
Bisweilen fanden Hinweise auf unerwünschte Therapiefolgen auch noch nach Jahrzehnten keinen Eingang in Produktinformationen, so etwa die Warnung vor Nekrosen und schweren Ulzerationen bei Gebrauch des Antiseptikums Dequalinium im Bereich von Glans penis und Vulva (a-t 1970; Nr. 1: 2, 1970; Nr. 5: 55) - Selbst in der Roten Liste 1996 wurden für die Dequaliniumchlorid-haltigen Vaginaltabletten FLUOMYCIN N keine Nebenwirkungen deklariert. Neben der Nutzen-Risiko-Abwägung kommen die Kosten der Therapie bereits in den ersten Ausgaben des a-t nicht zu kurz: Die übersichtliche Darstellung der Preisverhältnisse durch Balkengrafik - später von der Transparenzkommission beim Bundesgesundheitsamt übernommen - kennzeichnet heute eine etwa alle zwei Jahre erscheinende a-t-Publikation: das Arzneimittelkursbuch (früher transparenz-telegramm). Eine derartige systematische Darstellung von Angebotsvielfalt und Preisverhältnissen ist einzigartig. Als erstes Periodikum veröffentlichte das a-t seit 1970 Umsatzdaten und Verkaufszahlen von Arzneimitteln. Solche Angaben standen damals selbst dem Bundesgesundheitsamt nicht zur Verfügung. Inzwischen schafft das wissenschaftliche Institut der Ortkrankenkassen mit dem jährlich erscheinenden Arzneiverordnungs-Report Durchblick - zumindest was die Verordnungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen angeht. Heute ist die Informationsbeschaffung leichter und selbstverständlicher. Literaturdatenbanken auf CD-ROM oder im Internet (PubMed u.a.) ermöglichen Recherchen in Sekundengeschwindigkeit. Notwendiger wird die Gewichtung der Informationen, das Trennen der Spreu vom Weizen. Hier helfen der Redaktion ein über Jahrzehnte gewachsenes Archiv und - nicht zuletzt - vielfältige Kontakte im In- und Ausland. | |
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